Mieterstrom gewinnt in Deutschland zunehmend an Bedeutung. Steigende Energiepreise, der Ausbau erneuerbarer Energien und neue regulatorische Möglichkeiten führen dazu, dass immer mehr Eigentümer von Mehrfamilienhäusern über die Nutzung von Photovoltaikstrom direkt im Gebäude nachdenken.
Während bei klassischen Photovoltaikanlagen der erzeugte Strom meist vollständig ins Netz eingespeist wird, ermöglicht Mieterstrom eine direkte Nutzung des Solarstroms durch die Bewohner eines Gebäudes. Dadurch entstehen wirtschaftliche Vorteile für Eigentümer und Betreiber sowie günstigere und nachhaltigere Stromtarife für Mieter.
Die Umsetzung von Mieterstrom ist jedoch nicht einheitlich geregelt. In der Praxis haben sich verschiedene Mieterstrommodelle etabliert, die sich hinsichtlich ihrer energiewirtschaftlichen Struktur, regulatorischen Anforderungen und wirtschaftlichen Möglichkeiten unterscheiden.
Die Wahl des passenden Modells ist entscheidend. Sie beeinflusst:
- die Komplexität der Umsetzung
- die energiewirtschaftliche Verantwortung
- die Wirtschaftlichkeit eines Projekts
Diese Seite gibt einen Überblick über die wichtigsten Mieterstrommodelle in Deutschland und zeigt, welches Modell sich für welche Immobilie besonders eignet.
Was sind Mieterstrommodelle?
Mieterstrommodelle beschreiben die organisatorische und energiewirtschaftliche Struktur, mit der lokal erzeugter Strom – meist aus Photovoltaikanlagen – an die Bewohner eines Gebäudes geliefert oder verteilt wird.
Je nach Modell unterscheiden sich insbesondere:
- die Rollenverteilung zwischen den Beteiligten
- die energiewirtschaftliche Verantwortung
- die notwendigen Messkonzepte
- die regulatorischen Anforderungen
Typische Akteure in einem Mieterstromprojekt sind:
- Gebäudeeigentümer
stellt Dachflächen bereit oder investiert in die PV-Anlage - Betreiber der PV-Anlage
produziert den Strom - Energieversorger
übernimmt ggf. Stromlieferung, Abrechnung oder Reststromversorgung - Mieter
beziehen den erzeugten Strom im Gebäude
Grundsätzlich lassen sich Mieterstrommodelle in drei Kategorien einteilen:
1. Mieterstrommodelle nach EEG
Hier liefert der Anlagenbetreiber den Strom direkt an die Mieter und erhält dafür unter bestimmten Voraussetzungen den Mieterstromzuschlag.
2. Energiewirtschaftliche Liefermodelle
Der lokal erzeugte Strom wird zunächst an einen Energieversorger verkauft, der ihn anschließend im Rahmen eines Stromtarifs an die Bewohner liefert.
3. Ergänzungsmodelle zur Eigenstromnutzung
Hier wird der Strom im Gebäude verteilt oder genutzt, ohne dass eine klassische Stromlieferung im energiewirtschaftlichen Sinne stattfindet.
Überblick über die wichtigsten Mieterstrommodelle
In Deutschland haben sich mehrere Modelle etabliert, um Solarstrom in Mehrfamilienhäusern zu nutzen.
Die wichtigsten Mieterstrommodelle sind:
- Vollversorgermodell nach EEG
- Lieferkettenmodell
- Contracting- bzw. Pachtmodell
- Gemeinschaftliche Gebäudeversorgung (GGV)
- Behind-the-Meter-Modelle
Die Modelle unterscheiden sich insbesondere hinsichtlich:
- energiewirtschaftlicher Verantwortung
- regulatorischer Anforderungen
- wirtschaftlicher Beteiligung der Eigentümer
- technischer Umsetzung
| Modell | Betreiberrolle | Regulierung | Komplexität |
|---|---|---|---|
| Vollversorgermodell | Betreiber wird Energieversorger | hoch | hoch |
| Lieferkettenmodell | Versorger übernimmt Stromlieferung | mittel | mittel |
| Contracting/Pacht | Contractor betreibt Anlage | mittel | gering |
| GGV | Verteilung im Gebäude | gering | gering |
| Behind-the-Meter | informelle Nutzung | unsicher | gering |
Vollversorgermodell nach EEG
Das Vollversorgermodell nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) gilt als das klassische Mieterstrommodell in Deutschland.
Hier betreibt eine Partei – häufig der Gebäudeeigentümer oder ein spezialisierter Betreiber – die Photovoltaikanlage und liefert den erzeugten Strom direkt an die Mieter im Gebäude.
Für diese Stromlieferung kann unter bestimmten Voraussetzungen der Mieterstromzuschlag in Anspruch genommen werden.
Funktionsweise
- PV-Anlage erzeugt Strom auf dem Gebäude
- Strom wird direkt an die Mieter geliefert
- nicht verbrauchter Strom wird ins öffentliche Netz eingespeist
- Reststrom wird von einem Energieversorger bezogen
Notwendige Messkonzepte
Das Modell erfordert ein präzises energiewirtschaftliches Messkonzept, um zu unterscheiden zwischen:
- lokal verbrauchtem Strom
- eingespeistem Strom
- zusätzlich bezogenem Netzstrom
Rolle des Betreibers
Der Betreiber übernimmt energiewirtschaftliche Aufgaben, unter anderem:
- Stromlieferung an Endkunden
- Abrechnung
- Bilanzkreismanagement
- Marktkommunikation
Vorteile
- Förderung durch den Mieterstromzuschlag
- hohe Kontrolle über das Geschäftsmodell
- potenziell hohe Wertschöpfung
Nachteile
- hohe regulatorische Anforderungen
- Betreiber wird faktisch zum Energieversorger
- komplexe energiewirtschaftliche Prozesse
Geeignet für
- größere Mehrfamilienhäuser
- professionelle Betreiber
- Projektentwickler mit energiewirtschaftlicher Expertise
Lieferkettenmodell
Beim Lieferkettenmodell wird der lokal erzeugte Strom zunächst an einen Energieversorger verkauft.
Dieser Energieversorger integriert den Strom in sein Portfolio und bietet den Bewohnern des Gebäudes anschließend einen passenden Stromtarif an.
Energiewirtschaftliche Struktur
Die Rollen sind klar getrennt:
- Betreiber produziert Strom
- Energieversorger kauft den Strom
- Versorger liefert Strom an Mieter
Der Energieversorger übernimmt dabei die energiewirtschaftlichen Aufgaben.
Vorteile
- Eigentümer muss kein Energieversorger werden
- geringere regulatorische Verantwortung
- vereinfachte Abrechnung
Nachteile
- geringerer Anteil an der Wertschöpfung
- geringere Einflussmöglichkeiten auf Tarifgestaltung
Geeignet für
- Immobilienbesitzer ohne energiewirtschaftliche Erfahrung
- Gebäude mit kleineren Strommengen
- Eigentümer, die eine einfache Umsetzung bevorzugen
Contracting-Modell / Pachtmodell
Beim Contracting-Modell wird die Photovoltaikanlage von einem externen Dienstleister – dem Contractor – installiert und betrieben.
Der Gebäudeeigentümer stellt in der Regel lediglich die Dachfläche zur Verfügung.
Der Contractor übernimmt:
- Investition in die PV-Anlage
- Betrieb
- Stromvermarktung
- Abrechnung
Typische Vertragsstruktur
Der Eigentümer schließt einen langfristigen Vertrag mit dem Contractor, beispielsweise:
- Dachpachtvertrag
- Contracting-Vertrag
- Betriebsführungsvertrag
Rollenverteilung
| Akteur | Rolle |
|---|---|
| Eigentümer | stellt Dachfläche |
| Contractor | betreibt PV-Anlage |
| Energieversorger | ggf. Stromlieferung |
| Mieter | beziehen Strom |
Vorteile
- kaum operative Verantwortung für Eigentümer
- keine Investition notwendig
- professioneller Anlagenbetrieb
Nachteile
- geringerer Anteil an der wirtschaftlichen Wertschöpfung
- langfristige Vertragsbindung
Geeignet für
- Eigentümer ohne eigene Energieexpertise
- Immobilien mit begrenzten Investitionsbudgets
- Projekte mit Fokus auf einfacher Umsetzung
Modelle der Ergänzungsversorgung
Neben klassischen Mieterstrommodellen existieren Konzepte, bei denen der erzeugte Strom im Gebäude genutzt wird, ohne dass eine klassische Stromlieferung stattfindet.
Diese Modelle werden häufig als Ergänzungsversorgung bezeichnet.
Gemeinschaftliche Gebäudeversorgung (GGV)
Die gemeinschaftliche Gebäudeversorgung ist ein relativ neues Modell im deutschen Energierecht.
Hier wird der erzeugte Strom anteilig auf die Nutzer eines Gebäudes verteilt, ohne dass zwingend ein klassischer Stromliefervertrag zwischen Betreiber und Mieter besteht.
Funktionsweise
- PV-Strom wird anteilig auf die Haushalte verteilt
- jeder Haushalt hat weiterhin einen eigenen Stromliefervertrag
- Reststrom wird individuell vom Energieversorger bezogen
Wichtige Voraussetzungen
- korrektes Messkonzept
- transparente Aufteilung des Stroms
- entsprechende Abrechnungssysteme
Vorteile
- geringere energiewirtschaftliche Komplexität
- Betreiber wird kein Energieversorger
- einfache Integration in bestehende Stromverträge
Nachteile
- weniger Steuerungsmöglichkeiten
- geringere wirtschaftliche Optimierung
Behind-the-Meter-Modelle
Behind-the-Meter-Modelle beschreiben informelle oder vereinfachte Lösungen, bei denen Strom innerhalb eines Gebäudes verteilt wird, ohne eine vollständige energiewirtschaftliche Struktur aufzubauen.
Typische Merkmale:
- keine standardisierte regulatorische Struktur
- vereinfachte, bzw. keine Messkonzepte
- Nutzung des Stroms innerhalb eines Gebäudes
Problematische Aspekte
Diese Modelle können regulatorisch problematisch sein, weil sie:
- energiewirtschaftliche Vorgaben umgehen
- nicht immer klar abrechenbar sind
- rechtliche Unsicherheiten mit sich bringen
Unterschied zur GGV
Im Gegensatz zur gemeinschaftlichen Gebäudeversorgung ist Behind-the-Meter in der Regel nicht explizit gesetzlich geregelt.
Vergleich der Mieterstrommodelle
Die verschiedenen Modelle unterscheiden sich in mehreren zentralen Dimensionen.
| Modell | Komplexität | Regulierung | Betreiberrolle | Wirtschaftlichkeit | Gebäudegröße |
|---|---|---|---|---|---|
| EEG Vollversorger | hoch | hoch | Energieversorger | hoch | große Gebäude |
| Lieferkettenmodell | mittel | mittel | Stromproduzent | mittel | mittel |
| Contracting | gering | mittel | Dachgeber | gering–mittel | alle |
| GGV | gering | gering | Stromverteiler | mittel | klein–mittel |
| Behind-the-Meter | gering | unsicher | informell | variabel | klein |
Welches Mieterstrommodell passt zu welcher Immobilie?
Die Wahl des richtigen Mieterstrommodells hängt stark von der Struktur der Immobilie und den Zielen des Eigentümers ab.
Kleine Mehrfamilienhäuser
Typisch:
- 6–15 Wohneinheiten
- begrenzte Dachfläche
- begrenzter Stromverbrauch
Geeignete Modelle:
- EEG Vollversorgermodell
- Gemeinschaftliche Gebäudeversorgung
- Lieferkettenmodell
Große Wohnanlagen
Typisch:
- viele Wohneinheiten
- große Dachflächen
- hoher Strombedarf
Geeignete Modelle:
- EEG Vollversorgermodell
- professionelle Contracting-Lösungen
Neubauprojekte
Hier können Mieterstromlösungen bereits in der Planung integriert werden.
Geeignete Modelle:
- EEG Vollversorgermodell
- Lieferkettenmodell
- GGV
Bestandsgebäude
Bei bestehenden Immobilien steht häufig die Umsetzbarkeit im Vordergrund.
Geeignete Modelle:
- EEG Vollversorgermodell
- Lieferkettenmodell
- Contracting
- GGV
Umsetzung eines Mieterstromprojekts
Die Umsetzung eines Mieterstromprojekts erfolgt typischerweise in mehreren Schritten.
1. Analyse der Immobilie
- Dachfläche
- Stromverbrauch
- Anzahl der Wohneinheiten
- technische Infrastruktur
2. Auswahl des passenden Modells
- energiewirtschaftliche Struktur
- regulatorische Anforderungen
- wirtschaftliche Zielsetzung
3. Technische Umsetzung
- Installation der PV-Anlage
- Aufbau der Messinfrastruktur
- Integration in die Energieversorgung
4. Betrieb
- Stromlieferung oder Stromverteilung
- Abrechnung
- Wartung der Anlage
Mieterstrom mit stroya umsetzen
Die Umsetzung eines Mieterstromprojekts ist technisch und energiewirtschaftlich komplex. Gleichzeitig bietet sie erhebliche Chancen für Immobilienbesitzer, Projektentwickler und Energieversorger.
stroya unterstützt Eigentümer und Projektentwickler dabei, Mieterstromprojekte strukturiert umzusetzen.
Dabei umfasst die Unterstützung unter anderem:
- Analyse von Immobilien hinsichtlich Mieterstrompotenzial
- Auswahl des passenden Mieterstrommodells
- Planung und energiewirtschaftliche Strukturierung
- Umsetzung und Betrieb von Mieterstromprojekten
Wer prüfen möchte, ob sich eine Immobilie für Mieterstrom eignet, kann eine Potenzialanalyse für ein Mieterstromprojekt anfragen. Diese Analyse zeigt, welches Modell am besten zum jeweiligen Gebäude passt und welche wirtschaftlichen Möglichkeiten bestehen.